AIDS-Tage in München
Vom 15.- 17. Februar trafen sich BehandlerInnen, AktivistInnen und Betroffene (vorwiegend allerdings ÄrztInnen) zu den 9. Münchner AIDS-Tagen, um sich fortzubilden und sich zu den drängendsten Fragen auszutauschen.

Ein gewisser Schwerpunkt lag in diesem Jahr auf der Situation HIV-positiver 'illegaler' MigrantInnen in der BRD. Menschen ohne gesicherten Aufenthaltsstatus haben in der BRD anders als in vielen anderen Staaten der Europäischen Union keinerlei Zugang zu gesundheitlicher Versorgung.

In Berlin gibt es aus diesem Grund seit 1996 das Büro für Medizinische Flüchtlingshilfe. Von dort aus werden MigrantInnen an ÄrztInnen weiter vermittelt, um dort kostenlos behandelt zu werden. Ein Teil der Kosten wird dabei über Spenden finanziert.

Mittlerweile ist diese Problematik auch bei den HIV-BehandlerInnen angekommen. Die Behandlung HIV-positiver Menschen nach den derzeit geltenden Empfehlungen ist teuer: So kostet alleine die Dreifach-Chemotherapie mit antiretroviralen Medikamenten monatlich ca. 1500€. Hinzu kommen Laborkosten, Röntgenfilme, weitere Medikamente etc. Den Preis dafür kann kein Arzt aus eigener Tasche bezahlen.

Während das Büro für Medizinische Flüchtlingshilfe in seinen Publikationen (zuletzt beispielsweise in der monatlichen Publikation der Berliner Ärztekammer) das rigide Ausländergesetz kritisiert, blieben politische Forderungen auf den Münchner AIDS-Tagen aussen vor. Beispielhaft ein dort vorgestelltes Projekt Hamburger ÄrztInnen: Stolz wurde berichtet, wie selbst anbegrochene oder bereits abgelaufene Medikamente an mit HIV infizierte MigrantInnen abgegeben werden. Ein enges Monitoring der Laborparameter und damit eine Erfolgskontrolle der Therapie ist dabei in der Regel ebenso wenig gewährleistet wie eine regelmässige Kontrolle von Blutwerten, die frühzeitig über schwerwiegende Nebenwirkungen Auskunft geben können.

Auf dem Podium schien darüber Einigkeit zu bestehen, dass Therapie in jedem Fall besser ist als keine Therapie. Ein Berliner Arzt mit HIV-Schwerpunkt, der sich gerne damit schmückt, viele afrikanische HIV-PatientInnen zu behandeln, vertrat sogar die Ansicht, es sei nötig, pharmaindustriegesponsorte Dreifach-Chemotherapien an die Bevölkerung afrikanischer Staaten zu verteilen, und das ohne jede Möglichkeit der Therapiekontrolle. Zwar sei klar, dass in diesem Szenario viele Menschen an den Nebenwirkungen der Medikamente sterben würden, dies werde jedoch aufgewogen durch die vielen Menschenleben, die damit gerettet werden könnten.

Das Schreckensbild einer sich flächenbrandartig ausbreitenden Epidemie ist nach wie vor Dreh- und Angelpunkt für sämtliche Diskussionen zu AIDS in Afrika. Untenstehende Grafik ist nur ein Beispiel dafür. Auch damit wird die Dringlichkeit unterstrichen, etwas zu tun. Irgend etwas. Nur der Zusammenhang zwischen Armut und Gesundheit - und damit ein umfassender und nachhaltiger politischer Ansatz - blieb auch bei diesen 9. Münchner AIDS-Tagen wieder einmal aussen vor.

von Undine Undulanz

etuxx
Mutti: Einen fehlenden politischen Ansatz bei den Münchener AIDS Tagen zu bemängeln, ist ja schön und gut. Die Frage dabei ist allerdings, ob kämpferische, den Zusammenhang von Armut und Krankheit herausstellende Thesenpapiere mehr bringen, als konkrete medizinische Arbeit.  
Brenda: "Konkrete medizinische Arbeit" ohne ein sinnvolles Konzept ist blinder Aktivismus. Konkrete medizinische Arbeit, in der der Tod vieler Menschen aufgrund unkontrollierter Nebenwirkungen der Medikamente billigend in Kauf genommen wird, ist ethisch höchst fragwürdig. Die Entgegenstellung, die du aufmachst: "konkrete medizinische Arbeit" versus Thesenpapiere, ist etwas albern, denn ein Kongress an sich ist eine hochtheoretische Angelegenheit, "konkrete medizinische Arbeit" findet dort nicht statt. Gerade deswegen kann eben hinterfragt werden, wo die vorgestellten Thesen ansetzen. Ein Konzept, das im Austeilen von Almosen besteht, halte ich theoretisch und konkret für unzureichend.  
Mutti: Ok, touché, gut gegeben! So, wie Brenda das jetzt erläuternd aufklärt, ziehe ich meinen Kommentar in dieser Form zurück; bzw. ich hab's verstanden und dabei was gelernt. Meine Kritik - zumindest nach Lektüre obenstehendem Artikels - ist mehr so 70ies Gesundheitstag-mäßig motiviert gewesen. Das trifft augenscheinlich für Konferenzen im Jahr 2002 so nicht mehr zu. Weil offensichtlich heute auf solchen Tagungen die Teilnehmer erstmal ein paar Grundlagen checken müssen, bevor sie anfangen zu 'helfen'. Das sehe ich ein. Was schlägst du vor?  
Jörg: ich frage mich immer wieder, ob es mit rot-grün möglich sein wird, einen aufbau afrika ähnlich einem "aufbau ost" zu realisieren. oder braucht es dazu ein europa (west)? schuldeingeständnisse zum thema kolonialisierung und sklaverei gibtís inzwischen aller ortes. ohne krisentheoretiker gesagt und gedacht, ist eine verbindung zur farmalobby notwendig. leider ist der individualisierungstripp der krankenversorgung (stichwort: privat versicherung) nicht dazu geeignet, ökonomisch für eine solidarisches denken und handeln zu werben.  
Leo: Vergiß es, die Interessen sind andere. Die rot-grüne Basis hält die Stundung von 1% der Gesamtverschuldung gegen Erfüllung ruinöser wirtschaftlich-politischer Bedingungen für einen "Schuldenerlaß" (Schröder-Initiative 2000) und das ausschlaggebende Kriterium bei der Verteilung sog. "Entwicklungshilfe" ist, ob man sich damit Stimmanteile auf der IWF-Hauptversammlung einkaufen kann.  
Ellie: Die Münchner AIDS-Tage entsprechen, wie so viele AIDS-Konferenzen in Europa, dem medizinalisierten Blickwinkel auf AIDS, der sich in den reichen, westlichen Ländern entwickelt hat. Also kaum verwunderlich, dass globale, politische Betrachtungen da keinen Raum finden. Die Devise: Lebensverlängerung für wenige um (zur Zeit noch) jeden Preis. Verhehlen kann mittlerweile jedoch niemand, dass die ART erhebliche Nebenwirkungen mit sich bringt. Viele sind, auch bei "fachgerechter Therapie" schon nach 3-4 Jahren "austherapiert".  
Ellie: Die Medikamentenspenden an konkrete Personen (die z.B. keine Krankenkassenversicherung haben) finde ich trotzdem o.k. und sinnvoll, wenn eine ausreichende Therapiedauer (sie oben) gewährleistet ist und eine medizinische Betreuung möglich ist. Ansonsten macht in den ärmeren Ländern, so lange es noch keinen halbwegs funktionierenden Impfstoff gibt, wohl eher eine kulturspezifische Präventionsarbeit Sinn, die auch die sozioökonomischen Zwänge der Leute dort berücksichtigt.  
ganz dumme Frage: aber ich trau' mich trotzdem: Was kann denn eigentlich passieren, wenn man so eine Therapie abbrechen muss, weil's keinen Medikamentennachschub mehr gibt?  
Ellie: Im besten Falle passiert nix weiter, als dass sich nach einigen Wochen die Viren wieder vermehren, die "Viruslast" im Blut wieder messbar ansteigt. Dann wäre man vielleicht wieder da wo man angefangen hat. Im schlimmeren Fall, vor allem wenn nur einen Teil der Medikamente nicht mehr zur Verfügung steht, bilden sich vermehrt Therapie-resistente Virenstämme. (so ähnlich wie bei einer zu früh beendeten Antibiotika-Behandlung). Wenn man später wieder mit der Therapie anfangen will, wirken dieses Substanzen nicht mehr. Wenn diese resistenten Viren dann auch nicht auf andere übertragen werden, funktionieren die Medikamente dann auch bei denen möglicherweise von Anfang an nicht.