30. Januar 1933 - Machtantritt der Nazis

Der Berliner Publizist Kurt Hiller schildert seine Hafterfahrungen

von Michael Hellmann









«Als die NSDAP am
6. November 1932 ihren ersten Rückschlag erlitt und somit also ihren Höhepunkt überschritten hatte, wurde eine Unterstützung durch die deutsche Wirtschaft besonders dringend.»
Kurt von Schroeder, Bankier









Kurt Hiller





Kurt Hiller spricht
Kurt Hiller spricht
über seine Haft
(mp3-Datei, 4,4 MB)

Zum 73. Male jährt sich dieser Tag, der Beginn des Weges zum deutschen Raub- und Eroberungskrieg, zum Völkermord an den Juden und Sinti und Roma.

Wie konnte das geschehen? Die Krise des Kapitalismus hatte sich vor 1933 enorm verschärft: Millionen von Arbeitslosen, beständige Lohnsenkungen, Absenkung der Arbeitslosenunterstützung riefen zunehmenden Widerstand der Werktätigen hervor. Die Nazipartei war eine militante Gegenbewegung zur Erhaltung des Kapitalismus, die sich reichlicher sozialer Demagogie, gekoppelt mit militantem Antisemitismus bediente ("Brechung der Zinsknechtschaft"), um Masseneinfluß zu erlangen.

"Ohne die Zusammenarbeit der deutschen Industrie und der Nazi-Partei hätten Hitler und seine Parteigenossen niemals die Macht in Deutschland ergreifen und festigen können, und das Dritte Reich hätte nie gewagt, die Welt in einen Krieg zu stürzen", sagte Brigadegeneral Telford Taylor, der us-amerikanische Hauptankläger (Chief of Council for War Crimes), am 27. August 1947 in Nürnberg (wiedergegeben nach E. Czichon: Wer verhalf Hitler zur Macht? Köln 1967, S.13f).

Nachdem die NSDAP in den Novemberwahlen 1932 zwei Millionen Stimmen gegenüber den Wahlen vom 31. Juli 1932 verloren hatte, sah das deutsche Finanzkapital sein Investment in die NSDAP gefährdet und beeilte sich, sie an die Regierung zu bringen. Das entscheidende Vorbereitungsgespräch hierzu fand am 4. Januar 1933 im Hause des Bankiers Kurt von Schröder statt. Dieser erklärte am 21. Juli 1947 an Eides Statt:

"Am 4. Januar 1933 trafen Hitler, von Papen, Heß, Himmler und Keppler in meinem Hause in Köln ein....Diese Zusammenkunft zwischen Hitler und Papen ... wurde von mir arrangiert, nachdem Papen mich ungefähr am 10. Dezember 1932 darum ersucht hatte. Bevor ich diesen Schritt unternahm, besprach ich mich mit einer Anzahl von Herren der Wirtschaft und informierte mich allgemein, wie sich die Wirtschaft zu einer Zusammenarbeit der beiden stellte. Die allgemeinen Bestrebungen der Männer der Wirtschaft gingen dahin, einen starken Führer in Deutschland an die Macht kommen zu sehen, der eine Regierung bilden würde, die lange Zelt an der Macht bleiben würde. Als die NSDAP am 6. November 1932 ihren ersten Rückschlag erlitt und somit also ihren Höhepunkt überschritten hatte, wurde eine Unterstützung durch die deutsche Wirtschaft besonders dringend. Ein gemeinsames Interesse der Wirtschaft bestand in der Angst vor dem Bolschewismus und der Hoffnung, dass die Nationalsozialisten - einmal an der Macht - eine beständige politische und wirtschaftliche Grundlage in Deutschland herstellen würden. Ein weiteres gemeinsames Interesse war der Wunsch, Hitlers wirtschaftliches Programm in die Tat umzusetzen, wobei ein wesentlicher Punkt darin lag, dass die Wirtschaft sich selbst lenken sollte zur Lösung der von der politischen Führung gestellten Probleme....Weiterhin erwartete man, dass eine wirtschaftliche Konjunktur durch Vergeben von größeren Staatsaufträgen werden würde. In diesem Zusammenhang sind zu erwähnen: eine von Hitler projektierte Erhöhung der deutschen Wehrmacht von 100.000 auf 300.000 Mann.... Es war allgemein bekannt, dass einer der wichtigsten Programmpunkte Hitlers die Abschaffung des Vertrages von Versailles darstellte und die Wiederherstellung eines sowohl in militärischer als auch in wirtschaftlicher Hinsicht starken Deutschland. ... Das wirtschaftliche Programm Hitlers war der Wirtschaft allgemein bekannt und wurde von ihr begrüßt."
(E. Czichon: Wer verhalf Hitler zur Macht? Köln 1967, S.77f)

Am 30. Januar war es dann soweit: Hitler war Reichskanzler. Sofort steigerte sich der Naziterror, potenziert durch die Machtmittel des Staates, gegen alle Nazigegner, Kommunisten, Sozialdemokraten, Juden, bürgerliche Demokraten, ins Unermeßliche. Die Ausschaltung jeglicher Opposition war eine Grundvoraussetzung für die Durchführung des Naziprogramms. Besonders nach dem von den Nazis gelegten Reichstagsbrand (27. Februar 1933) wurden Zehntausende in die neuerrichteten KZ verschleppt, gefoltert und ermordet.

Einer von ihnen war Kurt Hiller (1885 - 1972). Er war gleichgeschlechtlich orientiert, Jude und ein linker Publizist, der schon 1908 in "Das Recht über sich selbst" für die Abschaffung des 175 eintrat. Er war gegen den 1. Weltkrieg, publizierte in der Weimarer Republik unter Anderem in der Weltbühne, arbeitete beim WHK Magnus Hirschfelds und Richard Linserts mit. So war er den Nazis ein Dorn im Auge. Mehrfach wurde er verhaftet und in den KZ Brandenburg und Oranienburg schwer gepeinigt.

Wir bringen hier, mit freundlicher Genehmigung von Dr. Harald Lützenkirchen von der www.hiller-gesellschaft.de/text.htm#home Kurt-Hiller-Gesellschaft, einen Auszug aus einer Lesung Kurt Hillers von 1964 über seine Hafterfahrungen als Tondokument. Wir haben ihn gekürzt, weil mehr kaum noch zu ertragen wäre. Auch danken wir Birgit Binder von der www.edition-fliehkraft.de/frame4.htm Edition Fliehkraft.



Thomas Skeptikus: Soweit so gut. Doch hätte die Wirtschaft keine Chance gehabt, Hitler an die Macht zu bringen, wenn nicht die Sozialdemokratie Hindenburg als Staatspräsidenten auf's Schild gehoben und die KPD sich mehr mit der SPD als mit dem Kampf gegen die NSDAP beschäftigt hätte. Es braucht also auch schwache Gegenwehr frotschrittlicher Kräfte, wenn die Reaktion eine Chance haben will.